: Schluss mit Hähnchen

Für seine Hähnchen ist das Vorster Landhaus weit über Hardt hinaus bekannt. 38 Jahre lang haben Jürgen und Bärbel Zimmer ihren Familienbetrieb auf der Vorster Straße geführt. Am 31. August machen sie das Lokal zu. Das Haus, in dem sie den Großteil ihres Lebens verbracht und ihre Töchter großgezogen haben, wird abgerissen. Was ist das für ein Gefühl? Der Extra-Tipp hat mit dem Paar gesprochen.

„Das ist schon unser Leben hier“, sagt Bärbel Zimmer und überlegt, ob sie dabeisein will, wenn das Vorster Landhaus abgerissen wird. „Das tut schon weh...“ Ihr Mann Jürgen blickt auch mit Wehmut zurück, erinnert sich an viele schöne Erlebnisse, erzählt Anekdoten wie die vom „Pferd aufm Flur“, das es tatsächlich in den Achtziger Jahren im Vorster Landhaus gegeben hat. „Da hat ein Kunde, etwas beschwipst, sein Pferd von der Koppel geholt...“ Manfred hieß das übrigens, und soll sich nachher noch auf den Weg zur Autobahn gemacht haben.

Doch Jürgen Zimmer sagt auch ganz klar: „Es reicht. Wir sind platt.“ Kein Wunder nach 38 Jahren, die meisten davon mit 6-Tage-Wochen, 17-Stunden-Tagen und Nächten, in denen es auch mal halb drei Uhr nachts wurde. „Und morgens ging es ja dann um halb sieben auch schon wieder los“, erinnert sich Tochter Mirjam Lenzen. „Wenn wir Kinder aufstehen und in die Schule mussten.“ Funktioniert habe es aber immer. „Wir waren keine Schlüsselkinder!“, erklärt Sarah Scholten, die zweite Tochter. „Wenn wir mittags aus der Schule kamen, stand das Mittagessen auf dem Tisch und unsere Mutter half uns bei den Hausaufgaben. Nur ins Bett hat uns abends unsere Oma gebracht.“ Feiertage, freie Wochenenden, Auszeit? Nicht für die Zimmers. „Meine Eltern haben jahrelang keinen Urlaub gemacht“, sagt Mirjam Lenzen. „Erst als wir Kinder gedrängt haben, haben sie sich mal zwei Wochen Urlaub erlaubt.“

Bereut haben die Zimmers, er gelernter Maler und Lackierer, sie gelernte Erzieherin, ihre Entscheidung, in die Gastronomie zu gehen, nie. Angefangen hat alles bereits 1972, als Jürgen Zimmers Großeltern den Fuchsbau betrieben haben. 1981 dann eröffnete das Paar gemeinsam mit den Eltern das Vorster Landhaus. Ihre Spezialität, das Hähnchen, nahmen sie mit. „Das ist noch genauso wie im Fuchsbau, nach dem Rezept meiner Mutter“, erklärt Jürgen Zimmer. „Es braucht 25 Minuten, bis es aus dem Ofen kommt.“

Etwas länger, aber längst nicht so lange wie angesichts der Immobilienlage erwartet, hat der Verkauf des Vorster Landhauses gedauert. Die Zimmers hätten das Haus gern verpachtet, aber für eine Fortführung der Gastronomie sind die Auflagen zu hoch, wären aufwendige Umbauten und Brandschutzmaßnahmen nötig. „Das lädt sich keiner auf die Schulter“, sagt Bärbel Zimmer. Und für eine private Nutzung sei das Haus viel zu groß. Ab Dezember gehöre das Grundstück dem neuen Bauherrn. Der wolle das Haus abreißen und zwei Mehrfamilienhäuser bauen.

Jürgen Zimmer will beim Abriss übrigens nicht nur zusehen. „Ich bin der erste, der mit dem Bagger reinhaut!“, sagt er. Das ist mit dem Bauunternehmer schon ausgemacht.“ Vorher aber heißt es Abschiednehmen. Am 31. August ist das Lokal das letzte Mal geöffnet, am 1. September kommen Freunde, Mitarbeiter und Stammgäste zum Resteessen. Danach wird alles ausgeräumt, Bänke und Tische werden von gemeinnützigen Organisationen abgeholt, das Haus „besenrein“ übergeben – bereit für Abrissbirne und Bagger.

Mehr von Meine Woche