Häufige Ursachen und Therapien von Schmerzen im unteren Rücken : Wenn das Kreuz streikt

Blitzartige Stiche oder andauerndes Ziehen: Beinahe jeder Mensch leidet im Laufe seines Lebens mindestens einmal unter Rückenbeschwerden. Welche die häufigsten Ursachen von Kreuzschmerzen darstellen und welche Therapien schnell Linderung versprechen, erklärt Kasim N. Fischer, Facharzt für Neurochirurgie mit Praxis im Ärztehaus Bismarckstraße und Mitglied der deutschen Gesellschaft für Wirbelsäulenchirurgie.

ISG-Syndrom

Etwa 25 Prozent der Rückenbeschwerden gehen vom Iliosakralgelenk, kurz ISG, aus. Die stabile Verbindungsstelle zwischen Wirbelsäule und Becken kann durch einen Sturz auf das Gesäß, permanent schlechte Haltung, Beinlängendifferenzen oder sportliche Überbelastung sowie rheumatische Veränderungen in Mitleidenschaft gezogen werden. „Helfen manuelle, physiotherapeutische Maßnahmen nicht weiter, greifen wir heutzutage auf moderne kleine Dreiecksimplantate aus Titan zurück. In einem minimalinvasiven 30-minütigen Eingriff werden die sogenannten iFuse-Implantate vorsichtig in das Iliosakralgelenk eingesetzt, um es wieder zu stabilisieren“, erklärt Fischer. Krankenkassen übernehmen die Kosten und Patienten kehren nach kurzer Zeit wieder in ihren gewohnten Alltag zurück.

Bandscheibenvorfall

Eine weitere häufige Ursache von Kreuzschmerzen, ausgelöst durch einen natürlichen Alterungsprozess des Bindegewebes oder eine dauerhaften Fehl- und/oder Überbelastung der Wirbelsäule, sind Bandscheibenvorfälle. Bei leichten Beschwerden führen zunächst konservative Therapiemaßnahmen wie Wärmeanwendungen, spezielle Medikamente oder Physiotherapie oftmals zu Erfolgen. Erst wenn solche Behandlungswege ausgeschöpft sind, kommen minimalinvasive Methoden wie die endoskopische und mikrochirurgische Bandscheibenoperation in Betracht. Dabei wird mithilfe feiner Instrumente und eines speziellen Mikroskops, welches eine dreidimensionale Ansicht vom Behandlungsfeld liefert, das vorgefallene Gewebe sanft entfernt.

Moderne iFuse-Implantate (Kassenleistung) von SI-BONE stabilisieren das Iliosakralgelenk. Foto: SI-BONE

„Unsere Facharztpraxis ist auf die Diagnostik und Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen spezialisiert und sucht stets nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen“, betont Fischer. Auch kleine neurochirurgische Eingriffe, wie die Behandlung eingeklemmter Ischiasnerven, im praxiseigenen OP-Raum können derzeit gefahrlos durchgeführt werden. Diese stellen kein erhöhtes Risiko für eine Corona-Infektion dar.

Interview mit Kasim N. Fischer

Neurochirurge Kasim N. Fischer Foto: Archiv/Andreas Baum

Fünf Fragen zum Thema Iliosakralgelenk

Als Verbindungselement von Wirbelsäule und Becken trägt unser Iliosakralgelenk, kurz ISG, maßgeblich zur Stabilität des Körpers bei. Allerdings können Verschleißerscheinungen, etwa durch anhaltende Fehlhaltungen, oder entzündlich-rheumatische Erkrankungen, Schwangerschaften, ein Sturz auf das Gesäß oder der Tritt ins Leere das starke Konstrukt im Beckenbereich nachhaltig schädigen. „Die auftretenden Beschwerden werden oftmals der Lendenwirbelsäule oder der Bandscheibe zugeschrieben und fälschlicherweise viel zu häufig operiert. Dabei liegt die eigentliche Ursache in jedem fünften Fall im Iliosakralgelenk“, weiß Kasim N. Fischer. Im Folgenden beantwortet der Experte die wichtigsten Fragen zu Diagnosestellung, konservativen Maßnahmen und modernen Operationsmöglichkeiten.

1. Wie sieht das typische Beschwerdebild aus?

„Patienten klagen häufig über einseitige, tiefsitzende Schmerzen im unteren Rücken, die teilweise bis in beide Beine und Kniegelenke ausstrahlen. Ebenfalls als typisch gelten Druckbeschwerden im Gesäß und der Leistenregion, die plötzlich auftreten, zum Beispiel bei bestimmten Bewegungen wie dem Beugen oder Drehen des Oberkörpers. Mit der Zeit kommen Schmerzen vor allem beim Gehen, nach längerem Sitzen oder beim Treppensteigen vor.“

2. Wie kann ein ISG-Syndrom festgestellt werden?

„Klare Diagnosen lassen sich ausschließlich mithilfe einer Kombination von Untersuchungen stellen. Als Erstes erfolgt daher eine ausführliche Anamnese. Stimmen die Aussagen der Patienten mit dem Beschwerdebild überein, führe ich weitere Untersuchungen durch. Bildgebungsverfahren wie Computer- oder Magnetresonanztomografie sowie Röntgenuntersuchungen können weiteren Aufschluss über die Schmerzursache geben. Um das ISG als Ursache zu bestätigen, führe ich sogenannte Provokationstests durch, bei denen durch Druck auf das Becken ein Schmerz im Gelenk ausgelöst werden soll. Sind von diesen fünf Tests drei positiv, folgt als nächster Schritt eine minimalinvasive lokale diagnostische Infiltration, um den Schmerzauslöser ISG final zu ermitteln. Alle Ergebnisse werden anschließend sorgfältig interpretiert, um andere Ursachen sicher auszuschließen.“

3. Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

„Zuerst schöpfen wir alle konservativen Methoden aus. Dazu zählt beispielsweise die medikamentöse Therapie mithilfe von Schmerzmittelgabe. Physikalische und manuelle Maßnahmen wie Elektrophysiologie oder Fangopackungen lindern ebenfalls erste ISG-Beschwerden. Klagen Betroffene über anhaltend starke Schmerzen, lindern auch lokale Injektionen direkt ins Gelenk kurzzeitig auftretende Probleme. Als nächster Schritt kommt die Radiofrequenz-Thermokoagulation zum Einsatz, bei der unter Einfluss von Wärme eine Verödung der schmerzempfindlichen Strukturen herbeigeführt wird. Erst wenn alle genannten Maßnahmen ausgereizt sind und eine Beschwerdefreiheit nur noch über sehr kurze Zeit oder überhaupt nicht mehr eintritt, empfiehlt sich ein operativer Eingriff.“

4. Welche operativen Möglichkeiten gibt es und wie verläuft der Eingriff?

„Zwar existieren verschiedene Techniken, um das ISG zu stabilisieren, aufgrund langjähriger positiver Erfahrungen empfehlen wir bei fortgeschrittener Instabilität den Einsatz von iFuse-Implantaten. Hierbei werden zur Stabilisierung des ISG drei kleine dreieckige Titanimplantate in das betroffene Gelenkeingesetzt. Die Behandlung erfolgt mit einer Übernachtung im Krankenhaus. Ein weiterer Vorteil: Der minimalinvasive Eingriff benötigt lediglich einen kleinen Hautschnitt von vier Zentimetern und dauert maximal 30 Minuten. Anschließend verwachsen die Dreiecksimplantate sicher mit dem umliegenden Knochen. Nach einer dreiwöchigen Einheilphase können Patienten das Gelenk ohne Schmerzen wieder voll belasten.“ Das iFuse Implant System® verfügt über eine hervorragende Studienlage mit mehr als 80 wissenschaftlichen Publikationen und ist besonders sicher.

5. Zahlen Krankenkassen die Dreiecksimplantate?

„Ja, sowohl bei Gesetzlich- als auch bei Privatversicherten übernehmen die Krankenkassen die Kosten für die Behandlung.“