Tierwohldebatte: Ins falsche Licht gerückt?

Tierwohldebatte: Ins falsche Licht gerückt?

Vereine und Organisationen, die sich dem Tierwohl verschrieben haben, gibt es in Deutschland einige. Häufig bemängeln sie kritische Zustände in der Nutztierhaltung. Andreas Pflipsen, Landwirt aus Rheindahlen, sieht sich und seine Berufskollegen durch derartige Vorwürfe diffamiert.

Um zu zeigen, dass es seinen Tieren gut geht, gewährt er dem Stadt Spiegel Einblicke in seinen Kuhstall.

Eins vorweg: Die 150 Kühe auf dem Hof von Andreas Pflipsen in Rheindahlen machen auf den Laien einen gesunden Eindruck, sie scheinen nicht unternährt zu sein und wirken auch in ihrem Verhalten nicht besonders auffällig – von ihrer Zutraulichkeit mal abgesehen. Anscheinend geht es den Tieren hier gut, zumal auch die Stallungen mit voneinander abgetrennten Liege-, Lauf- und Fressbereichen aufwarten können. Sogar eine kleine Außenterrasse gibt es, wo sich die Kühe mal in die Sonne stellen können, sowie eine Kuhbürste, mit der sich die Tiere kratzen und von Staub und losem Fell befreien können.

Alles Blödsinn also, was Tierschützer regelmäßig an Vorwürfen gegen die landwirtschaftliche Nutztierhaltung vorbringen? „Sicher gibt es auch unter den Landwirten das ein oder andere schwarze Schaf“, räumt Pflipsen auf Nachfrage ein. Aber die gebe es ja schließlich in allen Bereichen des Lebens, von der Kindererziehung bis zum Straßenverkehr. Außerdem wirft der Landwirt vielen der Tierschützer zweifelhafte Methoden vor: „Wenn Sie nachts in einen Kuhstall einsteigen, sich an ein schlafendes Tier ranschleichen, es mit einer Taschenlampe anleuchten und dann bei der Kamera auf den Auslöser drücken, erhalten Sie schnell die Motive, die es braucht, um möglichst viele Spendengelder zu generieren.“

Gerade wieder steht eine Kuh in einem der vollautomatischen Melksysteme, wo sie – Kraftfutter kauend – von einem Roboter abgemolken wird. Mit Stress scheint diese Prozedur für die Tiere nicht verbunden zu sein. „95 Prozent der Kühe begeben sich schon ganz von selbst in die Anlage, das macht ihnen also überhaupt nichts aus“, erklärt Pflipsen. Lediglich bei den Tieren, die den Ablauf noch nicht kennen, müsse man mal etwas nachhelfen.

Auch die häufig kritisierte Trennung von Kuh und Kalb kurz nach der Geburt betrachtet der Landwirt als unproblematisch und sogar, sinnvoll. Schließlich helfe die von den erwachsenen Tieren isolierte Unterbringung in Gesellschaft anderer Kälber, dem neugeborenen Tier, die nötige Immunität gegen Keime zu entwickeln.

Man dürfe auch, so Pflipsen weiter, nicht den Fehler machen, die Tiere allzu sehr zu vermenschlichen. So werde etwa häufig im Zusammenhang mit der Besamung von Kühen von Zwangsvergewaltigung gesprochen. „Allerdings ticken die Tiere hier ganz anders, denn ihnen geht es wirklich nur um die reine Fortpflanzung, nicht um Nähe und solche Dinge. Die Kühe haben hier vielmehr einen natürlichen Duldungsreflex“, macht der Rheindahlener deutlich.

Pflipsens Betrieb verfügt über das Tierwohl-Siegel „arlagarden plus“, welches für Produkte steht, bei denen auf gentechnisch veränderte Organismen verzichtet und ein bestimmtes Verhältnis von Kuh- zu Stallplatz eingehalten wird. Allerdings sieht der Landwirt derartige Siegel nicht als Allheilmittel, um das Tierwohl weiter zu stärken. Er weiß: „Am Ende entscheidet der Verbraucher und der will nun mal vor allem günstige Produkte.“

(StadtSpiegel)