: Vertrauenskultur schaffen!

Sexualisierte Gewalt hat viele Gesichter. Daher fallen Einordnung wie auch Reaktion oft schwer. Der Kirchenkreis Gladbach-Neuss legt nun ein Schutzkonzept zur Prävention gegen sexualisierte Gewalt vor, das den Mitarbeitern des Kirchenkreises und den 24 Kirchengemeinden eine praxisorientierte Arbeitshilfe an die Hand geben soll.

Kennenlernspiele im Dunkeln bei einer Jugendfreizeit, unerwünschte Berührungen oder das Verwenden von Kosenamen – Grenzverletzungen können in vielen Formen auftreten. Da gilt es vor allem, zu sensibilisieren und präventiv tätig zu werden, damit Übergriffigkeit unterbleibt und darüber hinaus die Grenze zur sexualisierten Gewalt nicht überschritten wird. Die Landessynode der Evangelischen Kirche hat deshalb im Januar ein Kirchengesetz beschlossen, das alle Presbyterien verpflichtet, ein Schutzkonzept zu erstellen. Der Kirchenkreis Gladbach-Neuss hat seines in dieser Woche vorgelegt.

Ein Arbeitskreis aus erfahrenen Jugendleitern hat die Broschüre entwickelt, die auch als Arbeitshilfe und Grundlage für die 24 Gemeinden des Kirchenkreises dienen soll. Diese haben bis Ende des kommenden Jahres Zeit, jeweils ein eigenes Schutzkonzept zu erstellen.

„Zu betonen ist, dass dieses Schutzkonzept nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern alle Menschen in den Blick nimmt“, sagt Jugendreferent Detlef Bonsack. Neben der Sensibilisierung für Grenzverletzungen und Missbrauch gehe es dabei auch darum, das Thema überhaupt erst einmal zu enttabuisieren und die Mitarbeiter zu einer Beschäftigung damit zu motivieren. „Außerdem war uns wichtig, dass alles, was in diesem Schutzkonzept steht, auch praktisch gut umgesetzt werden kann“, ergänzt Rene Bamberg, Jugendleiter bei der Kirchengemeinde Jüchen.

Dass Grenzverletzungen schon im vermeintlich harmlosen Bereich stattfinden können, weiß Jugendleiterin Angelika Erben-Neumann: „Ich denke da zum Beispiel an den Fall eines Pfarrers, der die Kinder in der Gemeinde immer sehr herzlich in den Arm genommen hat. Ich gehe nicht davon aus, dass er dabei irgendetwas Böses im Sinn hatte, aber da ist genau der Punkt, wo man ansetzen muss. Es ist einfach nicht in Ordnung, die Kinder einfach so anfassen. Hier kann man etwa mit praktischen Übungen sensibilisieren.“

Das Schutzkonzept enthält genau solche Übungen, ferner klärt es Definitionsfragen und beleuchtet die Frage, wo sexuelle Gewalt anfängt und wo Grauzonen sind, es umreißt den Schutzauftrag und es liefert Ansätze zur Umsetzung einer wirkungsvollen Prävention. So soll etwa in jedem Presbyterium ein Präventionsbeauftragter als übergeordneter Ansprechpartner installiert werden.

„Damit das Konzept Erfolg hat, braucht es eine Kultur des Vertrauens, dann kann es eine ganze Menge leisten“, ist Superintendent Denker überzeugt. „Wir brauchen eine Atmosphäre des Miteinanders, in der jeder selbstverständlich sagen kann ’Du kommst mir gerade zu nahe’. Die jungen Menschen und auch die anderen Mitarbeiter sollen das Gefühl haben, dass sie hier bei uns gut aufgehoben sind und dass sie immer den richtigen Ansprechpartner finden“, so Denker weiter.

Transparenz spiele hierbei eine zentrale Rolle. „Schließlich sind die Täter so gestrickt, dass sie sich gerne ihre Nischen suchen, in denen sie unbehelligt agieren können. Wenn sie aber sehen, dass die Kirchen jetzt verstärkt wachsam sind, dürfte das viele Täter abschrecken“, glaubt Angelika Erben-Neumann. „Wir werden nicht alles verhindern können, aber vieles“, ist sie sich sicher.