: Die Heimat, das unbekannte Neuland

Die „Franzosenzeit“ am Niederrhein Anfang des 19. Jahrhunderts prägt unsere Region bis heute. Einen Blick zurück wagt die neue Ausstellung des Vereins für Heimatpflege „Meter, Maire und Code Civil. Französische Herrschaft am Rhein“ im Viersener Salon der Villa Marx, die heute eröffnet wird.

Napoleon konnte es nicht lassen, im wortwörtlichen Sinne, seine Spuren am Niederrhein zu hinterlassen: Bei einem Truppenbesuch bezog er Quartier im Leuther Pfarrhaus und ritzte mit seinem Brillantring ein „N“ in eine Fensterscheibe.

Auch wenn dieses „napoleonische Zeichen“ mittlerweile nicht mehr zu sehen ist – es fiel dem Putzwahn einer Pfarrershaushälterin in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Opfer – findet man bei uns noch heute Überbleibsel dieser Zeit. Sei es in physischer Form – der Nordkanal und das Kanalwärterhäuschen an der Krefelder Straße – struktureller Art – das metrische System wurde eingeführt – oder sprachlich bei Plümmo, Scheng und Trottoir.

Erobert wurden die linksrheinischen deutschen Gebiete von Frankreich 1794. Sie sollten 20 Jahre in französischer Hand bleiben.

Dietrich Preyer (r.) wurde 1813 „Maire“ – sprich Bürgermeister – der Gemeinde Viersen. Foto: Kreisarchiv.

Wie sehr unsere französischen Nachbarn den Alltag der Niederrheiner geprägt haben und wie allgegenwärtig Napoleon war, damit beschäftigt sich die neue Ausstellung des Vereins für Heimatpflege. Exponate unter anderem aus dem Clemens-Sels-Museum in Neuss, aus dem Niederrheinischen Freilichtmuseum in Grefrath, aus dem Niederrhein Museum in Wesel, aber auch aus privater Hand zeichnen ein umfassendes Bild der Zeit, als „wir alle Franzosen waren“, wie es Kuratorin Dr. Britta Spies mit einem Augenzwinkern beschreibt. „Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines Tages auf und sind Franzose. Müssen französisch sprechen, andere Maßeinheiten benutzen und anderen Gesetzen folgen. Genau das ist den Menschen am Niederrhein passiert“, erklärt Spies.

Napoleon – von den Menschen entweder geliebt oder gehasst – und seine Franzosen wollten dem neuen Teil Frankreichs seine Strukturen geben. Dinge, wie der Code Civil – der später Grundlage für das bürgerliche Gesetzbuch wurde – oder die Einführung eines einheitlichen Maßsystems waren nur zwei der grundlegenden Änderungen, die wir den Franzosen zu „verdanken“ haben.

Die Ausstellung zeigt auch wie unterschiedlich Napoleons Selbstbild und seine Darstellung in zum Beispiel britischen Karikaturen waren. „Letztlich waren dies erste Beispiele von Propaganda und die haben Napoleon und seine Widersacher auf die Spitze getrieben“, erklärt Britta Spies, „kurz vorher war der Lithografie-Druck erfunden worden. Quasi die erste Version des Massendrucks.“

Interaktiv wird es bei dieser zehnten Ausstellung im Viersener Salon in der Villa Marx auch: „Wir haben drei Touchscreens, die sich mit dem Nordkanal, der Biografie Napoleons und einer sprachlichen Spurensuche beschäftigen“, erklärt Dr. Albert Pauly, Vorsitzender des Vereins für Heimatpflege, „unser IT-Mann Dirk Görres hat da wieder großartige Arbeit geleistet.“

Ein ganz besonderes Exponat ist die Uniform von Willi „Napoleon“ Berger. Der Wirt des Hauses Berger „Zum Napoleon“ aus Süchteln bekam sie 1984 von der Dülkener Narrenakademie angefertigt, weil er ganz wie der französische Imperator gern mit der eingesteckten Hand und ähnlicher Frisur hinter der Theke stand. Seine Tochter, Sylvia Cox, die in der Villa Marx die Gastronomie unter ihren Fittichen hat, stellt die Uniform für die Ausstellung zur Verfügung.