Geschichten von der Flucht

„Von Menschen, die auszogen, eine Heimat zu finden - Wahre Flüchtlingsgeschichten gestern und heute“ lautet der Titel einer Broschüre des Seniorenzentrums der Ev. Kirchengemeinde Viersen. Darin enthalten sind die Fluchtgeschichten von Menschen, die seit längerer Zeit in Viersen leben, wie Ismail Fazilov.

Hallo - ich bin Ismail Fazilov. Ich fühle mich in Deutschland zu Hause, aber geboren wurde ich 1982 in Mazedonien. Ich bin Moslem, aber ich schaue auch gern in die Bibel. Für mich verbindet uns alle der Glaube, ob wir nun in der Bibel oder im Koran lesen.

Im Zuge des Balkankonflikts war meine Familie schwer unter Druck und meine Eltern flohen mit uns fünf Brüdern 1988 nach Deutschland. Von der ersten bis zur siebten Klasse habe ich in Willich die Schule besucht und konnte dabei die deutsche Sprache schnell lernen und absolut fließend sprechen. 1995 hatten sich die politischen Verhältnisse in Mazedonien verbessert und meiner Familie wurde nicht länger Asyl in Deutschland gewährt. Ich war 13 Jahre alt, als wir zurück mussten. Meine Brüder und ich hatten uns aber längst in der neuen Heimat integriert und wir hatten Angst, zurück zu gehen. Unser Haus war durch den Krieg völlig zerstört - überhaupt war alles kaputt und es gab keine Arbeit. Es war ein schwerer Abschied aus Deutschland: Freunde und Nachbarn hatten vergeblich versucht die Abschiebung zu verhindern, aber keine Chance. Ich sehe mich noch mit meiner Familie am Flughafen: nach zwei Stunden Flug war mein Deutschland Vergangenheit und wir verließen in Skopje den Flieger. Doch wohin von dort aus? Bei meinem Großonkel konnten wir für ein paar Monate unterkommen. Wir Jungs und mein Vater haben als Tagelöhner gearbeitet und so das Nötigste zum Leben verdient.

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Irgendwie ging es immer weiter: Hier mal auf einer Baustelle jobben, da mal auf einer anderen. Wenn man Glück hatte, gab es angemessenes Geld dafür - aber das war nicht immer so.

Für eine weitere Schulausbildung war es längst zu spät. Ich konnte die Landessprache weder vernünftig sprechen, noch lesen. 2004 habe ich dann in Mazedonien meine Frau Elisafeta geheiratet. 2005 wurde Enis, unser erster Sohn geboren. Das, was ich verdienen konnte, reichte maximal nur, um meinem Sohn etwas zu essen zu kaufen. Ich hatte mich entschlossen, für den Wahlkampf einer Partei zu arbeiten, die dann zwar die Wahl gewann, aber keine ihrer Versprechen hielt. Das wurde ganz schnell zu meinem Problem. Als ihr ehemaliger Ansprechpartner in meiner Stadt wurde ich massiv bedroht. Das Leben wurde für mich und meine Familie zum Spießrutenlauf. 2010 wurde dann unser zweiter Sohn Yussuf geboren. 2012 sind wir dann nach Deutschland geflohen. Für 200 Euro haben wir uns bis Mannheim einem Schleuser anvertraut, von dort aus ging es Bahnhof für Bahnhof weiter. Die Ausländerbehörde in Dortmund hat uns nach Willich vermittelt - dort hatte ich ja als Kind schon gelebt. Wir bekamen eine Wohnung und alles, was wir zum Leben brauchten. Doch nach acht Monaten wurde mein Asylantrag abgelehnt. Man glaubte mir nicht, dass ich politisch verfolgt wurde. Zu der Zeit war meine Frau mit unserer kleinen Tochter Emel schwanger. Wir sind dann zurück nach Mazedonien, versteckten uns aber in einer anderen Stadt. Meine Kinder konnten dort nicht zur Schule gehen.

2015 wurde der Druck so groß, dass wir es wieder nach Deutschland versuchten - wieder mit einem Schleuser. Aktuell wird unser Asylantrag geprüft - eine drohende Ablehnung hängt wie ein Damoklesschwert über uns. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Zunächst habe ich ehrenamtlich beim Roten Kreuz gearbeitet. Jetzt bin ich am Haus Greefsgarten beschäftigt. Zuerst habe ich dort ein Praktikum gemacht und nun habe ich die Krankheitsvertretung in einer Sozialen Betreuung übernommen. Ich hoffe und bete, dass wir nun endlich in Deutschland bleiben dürfen.

(Report Anzeigenblatt)