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Polizei macht auf neue Betrugsmasche durch "Schockanrufe" aufmerksam

Neue Betrugsmasche : „Papa, mir ist was passiert“

Mit einer neuen Betrugsmasche versuchen Kriminelle, große Summen am Telefon zu erpressen. Treffen kann es jeden.

Aus dem Hörer dringt ein herzzerreißendes Schluchzen und dann nur ein von Tränen ersticktes Wort: „Papa?“ In einem solchen Moment setzt der Verstand aus und der Instinkt, der Elterninstinkt, setzt ein. Meinem Kind muss etwas passiert sein! Und dann kommt die Bestätigung: „Papa, mir ist was Schreckliches passiert.“

Bevor man nur einen klaren Gedanken fassen kann, ist plötzlich ein Polizist am Hörer, der mit ernster Stimme erklärt, das Kind habe einen Unfall verursacht, einen tödlichen Unfall, eine Schwangere und ihr ungeborenes Kind seien dabei ums Leben gekommen. Die Tochter, der Sohn bräuchte so schnell wie möglich Geld für eine Kaution, damit sie oder er nicht ins Gefängnis müssen...

  • von
Dr. Timm
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Der so angerufene Vater, die Mutter reagiert hier nicht mit Verstand, es geht nur darum, das eigene Kind zu schützen. Jeder Zweifel, ob es sich wirklich um einen echten Notfall handelt, wird erstickt. „Die Menschen werden über einen langen, langen Zeitraum in der Leitung gehalten, unter Druck gesetzt“, weiß Kriminaloberkommissarin Britta Färvers von der Kreispolizei Viersen, dort unter anderem für den Opferschutz zuständig, „so bekommen sie keine Chance, rational an die Situation heranzugehen, sie bleiben in einem konstanten Zustand von Angst und Panik. Und weil sie am Telefon festgehalten werden, können sie auch niemanden informieren.“

Ziel der Kriminellen? Die Menschen um ihr Geld zu bringen. „Hier geht es teils um fünfstellige Beträge“, weiß Britta Färvers, „uns ist ein Fall bekannt, da war es sogar eine sechsstellige Summe.“

Täglich hat die Polizei es mit solchen sogenannten „Schockanrufen“ zu tun – manchmal treten sie gebündelt auf mit über einem Dutzend Meldungen am Tag. Diese Masche des Telefonbetruges sei relativ neu. „Mit Anrufen von falschen Polizisten haben wir bereits seit fünf bis sechs Jahren zu tun, im vergangenen Jahr haben sich die Kriminellen dann die Corona-Pandemie zu nutze gemacht und um Geld für Behandlungen im Krankenhaus gebeten“, blickt Britta Färvers zurück. Seit Februar/März 2021 nun haben sich die Betrüger auf diese unglaublich perfide Masche verlegt.

Viele, die dies lesen, werden sich jetzt vermutlich denken: „Wie kann man auf so was reinfallen? Das könnte mir nie passieren!“ Für sie hat Britta Färvers eine ganz klare Antwort: „Hier kann jeder Opfer werden. Einige der Betroffenen sind in ihren 50ern, 60ern. Das Klischee der dementen Oma oder des verwirrten Opas als Opfer trifft hier nicht zu. In solch einem Moment denkt man nicht rational, man will nur helfen.“

Die Täter schockieren und verwirren ihre Opfer. Sie arbeiten unglaublich professionell, sind hervorragend organisiert, geschult und setzen psychologische Tricks ein, um ihre Opfer dazu zu treiben, ihr Erspartes von der Bank zu holen. „Die Täter sitzen oft in Callcentern im Ausland“, weiß Britta Färvers, was es um so schwerer macht, sie dingfest zu machen. Gelingt ein Zugriff, sind es häufig nur Mittelsmänner und Boten, die das Geld von den Opfern abholen. „Die wissen häufig nicht einmal, um was es genau geht, kennen gar nicht das große Ganze“, erklärt Britta Färvers.

Die Scham der Opfer ist groß – „allein deswegen gehen wir davon aus, dass die wirkliche Zahl dieser Taten wesentlich höher liegt. Viele trauen sich nicht, es zur Anzeige zu bringen“, ist sich Britta Färvers sicher. Sie betont aber auch: „Niemand muss sich schämen, Opfer einer solchen Tat geworden zu sein. Die Täter spielen so geschickt mit den Ängsten der Menschen, es kann wirklich jeden treffen.“

Hilflos solchen Taten ausgesetzt ist man aber trotzdem nicht. Was kann man also tun, um nicht Opfer zu werden? „Ein gutes Mittel, um sich zu schützen, ist, einen Telefonfilter einzurichten, so dass nur noch Anrufe von Menschen und Institutionen durchgestellt werden, die einem bekannt sind“, erklärt Britta Färvers. Wenn Anrufe von Nummern außerhalb dieser Liste ankommen, können diese direkt auf den Anrufbeantworter umgeleitet werden. Dies könne entweder am Router eingerichtet werden oder direkt am Telefon. Hilfreich ist es hier, sich mit seinem Telefonanbieter in Verbindung zu setzen. Dieser könne in jedem Fall weiterhelfen.

Ist der betrügerische Anruf doch angekommen, gibt es ein großes Warnsignal: In der Sekunde, wo von Geld die Rede ist, sei klar: Hier ist ein Betrüger am Werk. „Ganz nebenbei: so etwas wie Kaution, wie man sie aus amerikanischen Filmen kennt, gibt es bei uns in dieser Form nicht“, betont Britta Färvers. Auch ganz wichtig sei, die anerzogene Höflichkeit abzulegen. „Wenn Ihnen etwas seltsam vor kommt, Sie unter Druck gesetzt werden: legen Sie auf! Wortlos, ohne sich zu entschuldigen oder sich zu erklären“, appelliert Britta Färvers eindringlich.

Ist das „Kind in den Brunnen gefallen“ und das Opfer sitzt bereits bei der Bank, ist jedoch noch nicht alles verloren. „Die Bankmitarbeiter sind auf solche Fälle geschult“, erklärt Britta Färvers. Das gewünschte Geld wird in speziellen Briefumschlägen ausgegeben, auf denen eine Checkliste der Polizei abgedruckt ist. Fragen wie „Haben Sie den Betrag abgehoben, weil sie angerufen worden sind?“ oder „Hat der Anrufer Ihnen verboten, über den wahren Zweck der Abholung zu sprechen?“ sollen den Opfern klar machen, dass sie einem Betrug aufgesessen sind und sofort die 110 anrufen.

Dies sei ohnehin immer das Mittel der Wahl. „Nicht weiter verbinden lassen. Auflegen und selbst die 110 wählen. Am besten sogar von einem anderen Apparat“, betont Britta Färvers, denn die Täter hätten teils die technischen Möglichkeiten, vorzugaukeln, man hätte aufgelegt und trotzdem die Verbindung zu halten.

So schrecklich die Fälle sind, noch ist es so, dass die Zahl der gescheiterten Versuche weit über der der vollendeten Betrugsfälle liegt. Damit das so bleibt, formuliert Britta Färvers einen letzten Appell: „Jeder Anruf, der gemeldet wird, hilft. Umso bekannter diese Masche ist, umso weniger Chance auf Erfolg haben die Kriminellen.“

Wer weitere Informationen oder eine Beratung wünscht, kann sich über die Kreispolizei Viersen unter 02162/ 3770 an Kriminaloberkommissarin Britta Färvers wenden. Weitere Fakten und Tipps gibt es auf www.polizei-beratung.de.