: Schule in Zeiten von Corona

Im Kreis Viersen beginnt Mittwoch das neue Schuljahr. Von einem normalen Alltag kann in Coronazeiten jedoch nach wie vor keine Rede sein. Schüler sollen wieder im kompletten Klassenverband unterrichtet werden – die Maskenpflicht soll dies ermöglichen.

Für alle – Schulen wie Familien – sehr kurzfristig kam die Ankündigung von NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer am vergangenen Montag, dass mit Beginn des neuen Schuljahres am Mittwoch alle Kinder wieder täglich in vollem Umfang Präsenzunterricht erhalten sollen. Um dies zu ermöglichen, wird neben den bereits herrschenden Hygieneregeln eine Maskenpflicht an den Schulen – auch und besonders während des Unterrichts – eingeführt.

Für die Fälle, in denen doch weiterhin nur ein Unterrichten auf Distanz möglich ist, stellt das Land Mittel für digitale Endgeräte zur Verfügung. Außerdem werden den Schulen weitere Stellen zugesprochen.

Für die Schulen bedeutet dies, in kurzer Zeit zum Teil sehr kreativ werden zu müssen, da Konzepte, die vor den Ferien noch funktionierten, nun aufgrund der viel höheren Schülerzahl wieder überarbeitet werden müssen. „Wir müssen praktisch das Rad in der zweiten Version neu erfinden“, erklärt Dr. Thomas Martens, Schulleiter des Gymnasium St. Wolfhelm in Schwalmtal. „Seit Frau Gebauers Pressekonferenz rotieren wir und arbeiten an Lösungen, wie wir alle Schüler unter Einhaltung der Hygienevorschriften unterrichten und betreuen können.“

Die Maskenpflicht sei da das geringste Problem. Eher mangelnde Mittel für Neueinstellungen verschärfen die Situation. Bereits vor der Corona-Krise habe Martens an seiner Schule eine Unterversorgung von zehn Prozent gehabt. Die verstärke sich nun durch Lehrkräfte, die einer Risikogruppe angehören. Die vom Land beschlossenen Mittel für Neueinstellungen würden heruntergebrochen auf den Kreis Viersen gerade einmal etwa zwei Stellen bedeuten.

„Wir begrüßen ausdrücklich das jetzt umgesetzte Digitalpaket und glauben auch nicht, dass die Verantwortlichen im Ministerium in den Ferien Däumchen gedreht haben, allerdings hätten wir uns mehr strukturelle Unterstützung gewünscht und vor allem frühzeitige Informationen“, erklärt Dr. Thomas Martens. Das Gefühl mache sich breit, man werde vom Land zum Teil im Regen stehen gelassen.

Auch am Dülkener Clara-Schumann- Gymnasium versucht man die neuen Anweisungen möglichst schnell umzusetzen. „Wir werden unser bewährtes Hygienekonzept in wesentlichen Teilen weiterführen“, erklärt der Schulleiter des Clara-Schumann-Gymnaisums Christian Mengen, „hierzu gehören Einweg-Laufrichtungen auf den Fluren und in den Treppenhäusern, das Tragen von Mund-Nase-Schutz im Gebäude und auf dem Schulgelände, Händedesinfektion beim Betreten des Gebäudes, verschiedene Zuwege in das Gebäude, um Gedränge zu vermeiden.“

Die angespannte Personalsituation ist auch hier Thema. Aktuell habe man zwar den Ausfall von Kollegen mit Vorerkrankung gut auffangen können, aber: „Das Thema bleibt eine Herausforderung, da das System sehr eng ist und keine weiteren Spielräume verträgt.“

Christoph Hopp, Schulleiter des Viersener Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasiums, ist zuversichtlich, dass sich die Lage in Sachen Unterrichtsausfall angesichts der Maskenpflicht entspannen wird. „Zu Risikogruppen gehörende Lehrkräfte setzen sich jetzt mit den veränderten Rahmenbedingungen auseinander und melden sich dann gegebenenfalls. Zuletzt waren es nur fünf Betroffene, so dass ich zuversichtlich bin, dass es angesichts einer Maskenpflicht eher weniger sein werden.“

Um die Nachverfolgbarkeit von Kontakten zu gewährleisten, findet der Schulalltag künftig so weit es irgendwie geht im Klassenverband statt. „Wir haben die allgemeine große Pause aufgehoben und individualisiert“, erklärt Dr. Thomas Martens, „die Lehrer entscheiden eigenständig, wann sie mit ihrer Klasse eine Pause einlegen“.

Auch am Dülkener „Clara“ überlege man, Pausenzeiten zeitversetzt zu gestalten, um die Schülerzahl auf dem Schulgelände zu reduzieren. Zusätzlich achte man noch stärker als bisher auf gute Belüftung, berichtet Schulleiter Christian Mengen.

Die Einschulung der neuen Fünftklässler wird ebenfalls anders ablaufen als sonst. Darauf zu verzichten, kam für die Schulen nicht in Frage. „Die Begrüßungsfeier unserer neuen Fünftklässler findet in drei Schichten – eine Veranstaltung pro Einstiegsklasse – statt“, beschreibt Christian Mengen das Prozedere. Gleiches gilt am St. Wolfhelm Gymnasium. „Das ist ein so wichtiger Tag, den wollen wir für die Familien möglich machen“, betont Dr. Thomas Martens.

Die Schulen stehen vor einer großen Herausforderung. Dank der Kreativität und des Einsatzes der Kollegien, aber auch von Eltern sieht Dr. Thomas Martens vorsichtig optimistisch nach vorne: „Auch die Kooperation der Schulen untereinander hier in Schwalmtal und im gesamten Kreis ist toll.“

Doch bei vielem wird sich erst im Alltag herausstellen, wie praktikabel es ist. „Wir werden flexibel auf die Erfahrungen der nächsten Tage und Wochen reagieren und sicherlich unsere Planungen und unser Handeln bewerten und gegebenenfalls überarbeiten müssen“, gibt Christian Mengen zu. Letztlich gehe es immer darum, die Schulgemeinschaft vor einer Ansteckung zu schützen. Da stimmt auch Dr. Thomas Martens mit ein: „Wir müssen das Beste für die Kinder und Eltern tun.“

Auch der Deutsche Gewerkschafts Bund sieht Schwierigkeiten beim Konzept des Landes. Klaus Neufeldt, DGB-Vorsitzender Viersen, begrüßt zwar auch Maßnahmen zur Digitalisierung, kritisiert aber gleichermaßen: „Die Maskenpflicht im Unterricht ist pädagogisch schwierig. Ehrlicher wäre das Eingeständnis gewesen, dass das schulische Angebot angepasst werden müsse, da das Abstandsgebot auch in Schulen gelten müsse. Oftmals werden die Schulen mit ihren Aufgaben und Regelungen alleine gelassen. Es fehlt an einem klaren, umsetzbaren pädagogischen Konzept.“

Der DGB Viersen fordert von Schulministerin Yvonne Gebauer, Schulen Rückendeckung zu geben, wenn diese individuelle Lösungen finden müssen, etwa wegen des absehbaren Lehrkräftemangels.