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: Tragödie in Kita: Beschuldigte schweigt

: Tragödie in Kita: Beschuldigte schweigt

Im Fall der in einer Viersener Kita ermordeten kleinen Greta versuchten Polizei und Staatsanwaltschaft heute Antworten auf die vielen den Fall umgebenden Fragen zu geben. Die Beschuldigte schweigt, jedoch entsteht durch die Ermittlungen ein verstörendes Bild der beschuldigten Erzieherin, die mit dem Vorwurf des heimtückischen Mordes seit 20. Mai in Untersuchungshaft sitzt.

Es war der 21. April, als die kleine Greta zum ersten Mal seit der coronabedingten Schließung der Kitas wieder in den Kindergarten durfte. An jenem Tag war sie in der Notbetreuung das einzige Kind ihrer Kindergartengruppe, wo sie von der späteren Beschuldigten und einem Bezugsbetreuer, der gegen 13.30 Uhr seinen Dienst beendete, versorgt wurde. Aus ihrem Mittagsschlaf sollte sie nicht mehr erwachen...

Laut Aussage der Beschuldigten habe diese während des Mittagsschlafes viertelstündlich Atemkontrollen durchgeführt bis sie Greta um 14.45 Uhr leblos vorgefunden habe. Sie sei blass und nicht ansprechbar gewesen. Sie rief schließlich die Erzieherinnen der Parallelgruppe hinzu. Man verständigte den Notruf und führte nach Anweisung der Feuerwehr Reanimationsversuche durch.

Greta wurde ins Krankenhaus gebracht, wo sie maschinell am Leben erhalten wurde und am 4. Mai – einen Tag nach ihrem dritten Geburtstag – ohne jemals wieder das Bewusstsein erlangt zu haben, verstarb.

Die Kinderklinik hatte die Polizei am 29. April verständigt, da zum einen keine medizinische Ursache für den Zustand des Mädchens gefunden werden konnte und zum anderen so genannte Petechien – rote Punkte auf und um die Augenlider herum – aufgefallen waren, die laut Guido Roßkamp, Leiter Mordkommission, häufig ein Hinweis auf Gewalteinwirkung durch Sauerstoffmangel seien.

Bei der Obduktion wurde ein hypoxischer Hirnschaden festgestellt – eine Hirnschädigung, die durch massiven Sauerstoffmangel hervorgerufen wird. Dies in Kombination mit den stark ausgeprägten Petechien, ließ für die Ermittler nur den Schluss zu, dass Fremdeinwirkung vorgelegen haben muss.

Die Beschuldigte hat sich bisher nicht zu den Vorwürfen geäußert und macht weiterhin von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Lediglich zu Beginn der Ermittlungen, hatte sie Auskunft gegeben. „Wir haben deswegen leider nach wie vor keine Informationen zum Tathergang oder zum Motiv“, erklärt Roßkamp bedauernd.

So konzentrierten sich die Ermittlungen der Polizei und Staatsanwaltschaft zunächst auf das direkte Umfeld, die Kita, sowie die ehemaligen Arbeitsstätten der Beschuldigten – drei Kitas in Tönisvorst, Kempen und Krefeld. „Mit Erschrecken haben wir dabei festgestellt, dass es in den drei fraglichen Kitas ähnliche Vorfälle gab. Kinder mit Atemnot, Atemstillstand und andere Auffälligkeiten“, führte Roßkamp aus.

In Tönisvorst habe es im vergangenen Oktober einen Vorfall mit einem knapp zweijährigen Mädchen gegeben, das wegen Atemstillstand per Notarzt in eine Klinik eingeliefert werden musste. Auch hier war die Beschuldigte mit dem Mädchen allein. Das Kind habe im Nachhinein zu ihrem Vater gesagt, die Erzieherin habe ihr fest mit der Hand auf den Bauch gedrückt.

Für die Ermittler zeichnete sich ein immer verstörenderes Bild der Beschuldigten. Etwa vor einem Jahr hatte sie behauptet, von einem Mann bedroht worden zu sein, den sie angeblich dabei beobachtet hatte, wie dieser eine andere Frau angriff. Die Verletzungen, die dieser der Beschuldigten angeblich mit einem Messer im Gesicht zugefügt hatte, stellten sich als selbst beigebracht heraus und ihr wurde dringend zu einer psychologischen Behandlung geraten, in die sie sich jedoch nie begeben hatte.

Neben den Vorfällen in Viersen und Tönisvorst gab es außerdem in dem Krefelder Kindergarten, in dem sie ihr Anerkennungsjahr leistete, im November 2017 einen Vorfall, bei dem ein kleiner Junge wegen Atemnotstand notärztlich versorgt werden musste. Im Februar schließlich gab es ähnliche Vorfälle im freien Spiel, wo jedoch noch nicht klar ist, inwiefern die Beschuldigte mit den Kindern allein war.

Wie Manfred Joch, Leiter der Kriminalpolizei Mönchengladbach, erklärte, laufen die Untersuchungen zu einem weiteren Vorfall im Frühjahr noch. Hier war das betroffene Kind nur noch unter Angst in den Kindergarten gegangen und erst als die Beschuldigte Ende Juli die Kita verließ, hatte der Junge wieder Freude am Kitabesuch gefunden. Schließlich gab es dann in der Kempener Kita, wo sie von August 2018 bis Juni 2019 beschäftigt war, erneut einen ähnlichen Vorfall.

Eines hörten die Ermittler immer wieder – in jeder der betroffenen Kitas: Die Beschuldigte sei nicht empathisch, sie finde keinen Zugang zu den Kindern und sei grundsätzlich nur wenig für den Job geeignet. Eine Zeugenaussage blieb bei Roßkamp besonders hängen: „Die wäre nicht mal dazwischen gegangen, wenn zwei Kinder mit Metallschippen aufeinander losgegangen wären.“ Und so stellte man ihr in der Krefelder Kita auch ein mangelhaftes Zeugnis aus. Mit diesem sei sie in ein Kolloquium gegangen, aus dem heraus sie dann als staatlich geprüfte Erzieherin ihre nächste Stelle angetreten hat.

Für die Vorkommnisse in Viersen und Tönisvorst lautet der Vorwurf nun auf heimtückischen Mord, respektive Misshandlung von Schutzbefohlenen, wie Lothar Gathen, stellvertretender Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, ausführte. Für die Vorfälle in Kempen und Krefeld gilt aktuell nur ein Anfangsverdacht. Die Ermittlungen hierzu laufen weiter. Die Ursache der Atemnot bei den Kindern konnte nie konkret auf die Beschuldigte zurückgeführt werden und so gab es über interne Gespräche hinaus keine Ermittlungen. Alle betroffenen Eltern sagten jedoch auch aus, dass ihre Kinder außer bei besagten Vorfällen nie wieder solche Symptome gezeigt haben.