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„Wie kann ich meinen Sohn retten?“

„Wie kann ich meinen Sohn retten?“

Diese Geschichte ist nichts Besonderes, haben uns Experten erklärt. Junge Menschen sacken ab in eine Drogenkarriere und ruinieren ihr Leben. Wir wollen die Geschichte trotzdem erzählen. Anita Hufschmidt aus Mönchengladbach kommen die Tränen, wenn sie sieht, wie ihr Sohn René auf den Tod zusteuert.

. In unsere Verlagsräume an der Blumenberger Straße tritt eine schlanke Frau, modisch gekleidet, freundlich, zurückhaltend. Dass sie sich an die Öffentlichkeit wendet, liegt am Grad ihrer Verzweiflung. "Ich weiß nicht mehr weiter. Ich kann nicht mehr." Die 55-jährige Mutter und Großmutter will dennoch nichts unversucht lassen, einen Ausweg für ihre Familie, aber vor allem für ihren 34-jährigen Sohn René zu finden, der mittlerweile einen 14-jährigen Drogenweg hinter sich hat. "Ich will meinen Sohn retten, aber ich bin auch sein Feind." Wie das?

Anita Hufschmidt wächst in einer Alkoholiker-Familie auf. "Wir Kinder wurden zu Hause nur geschlagen und unsere Eltern kümmerten sich nicht um uns." Die Familie hatte in der Nachbarschaft einen üblen Ruf.

Als sie selbst heiratet und Kinder bekommt, will sie alles richtig machen, bei ihrer Tochter, vor allem aber bei dem später geborenen René. "Ich habe meinen Sohn nie allein gelassen. Ich telefonierte meinen Kindern sogar hinterher, um sie zu fragen: 'Sind die Sachen, die ihr anhabt, auch gebügelt?'" Die Kinder wachsen behütet auf. "War das vielleicht viel zu viel?" Jahrelang fragt sie sich immer und immer wieder: Bist du mitschuld?

René war 15, als den Eltern klar wird: er raucht Cannabis. Der Bruder seines besten Freundes auf der Hauptschule Wickrath ist damit vertraut. "Wir haben in der Familie darüber geredet und sind auch zum Gesundheitsamt gegangen." Anita Hufschmidt, die Mutter, erinnert sich. "Das sei eine vorübergehende Phase, wir sollten keinen Druck ausüben." Und tatsächlich, "es war dann nichts mehr." Als René 19 Jahre ist, verliert er an Gewicht. "1,85 Meter groß, 75 bis 80 Kilo schwer, das waren so seine Werte." Jetzt muss er sich oft übergeben und magert regelrecht ab - will aber nicht zum Arzt. Anita Hufschmidt beschließt, das Zimmer ihres Sohns zu durchsuchen, aber ihr Mann widerspricht, "das können wir doch nicht machen." Schließlich setzt sie sich durch. "Ich habe in jeder Ecke gekramt, jede CD-Hülle auseinandergenommen." Nichts.

Sie setzt sich aufs Bett und ihr Blick fällt auf den CD-Player. "Das war wie im Kino." Anita Hufschmidts Stimme wird rau, sie muss schlucken und ringt um Fassung, als sie an damals denkt. "Dann habe ich meinen Mann gebeten den CD-Player aufzuschrauben." Was sie finden, ist Heroin. Bei der Drogenberatung bekommen sie einen Nottermin und René beginnt eine sechswöchige Entgiftungskur mit Methadon.

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Zurück startet er eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann, bricht sie drei Monate vor dem Ende ab, macht seinen Abschluss extern nach und tritt die Stelle in einem Elektrofachgeschäft an. Inzwischen ist er auf Amphetamine umgestiegen, synthetische Stimulanzdrogen. Anita Hufschmidt: "Er wurde immer fahriger und aggressiver." Verliert seinen Job und wird unter Betreuung gestellt.

Bei dem Versuch, eine Sat-Schüssel zu installieren, fällt er 2010 vom Dach des Hauses an der Hofstraße, in dem er wohnt. Er saust vierzehn Meter in die Tiefe und nur der Sonnenschirm eines Cafés rettet ihn. Trotzdem bricht er sich Becken, Steißbein und Oberschenkel, eine Rippe dringt in die Lunge ein. Monate liegt er auf der Intensivstation. Er kommt zurück ins Leben, aber ein Jahr später geht es erneut steil bergab. "Bier, Speed, jetzt auch Crystal Meth." Paranoide Schizophrenie wird diagnostiziert und am 5. Februar 2016 hebt das Amtsgericht Mönchengladbach die Betreuung mit sofortiger Wirkung auf, "weil der Betroffene derzeit nicht betreubar ist. (...) Er ist für den Betreuer nicht zu erreichen und in keiner Weise bereit, mit ihm zu kooperieren." Der Sohn kehrt nach Hause zurück. Jetzt weiß Anita Hufschmidt keinen Rat mehr. Denn der Grund der Betreuung, der schlimme Gesundheitszustand von René, ist ja nicht verschwunden. Die Mutter sagt: "Am besten wäre es, wenn er zwangseingewiesen würde für Monate, so dass man ihn medikamentös einstellen kann. Vielleicht kommt er zur Besinnung." Die Erstellung eines Gutachtens scheitert, weil sich der Sohn total verweigert. Anita Hufschmidt sagt: "Ich kann nicht mehr. Am Ende steht doch der Tod." Sie weint.

In der vorvorvergangenen Woche hat sie den x-ten Anlauf bei den Drogenberatern gemacht. Die verweisen sie an Dr. Stefan Gros, den Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes. Er besucht die Hufschmidts zu Hause. Natürlich darf er darüber nicht sprechen, die Schweigepflicht bindet ihn, nur so viel: "Wir wollen da behilflich sein." Er erwähnt noch das Spannungsfeld, "zwischen den Grund- und Freiheitsrechten des Einzelnen und dem Anspruch der Betroffenen auf Sicherheit." In welche Richtung das Pendel der Gesetzgebung schwingt, hängt vom Zeitgeist ab, sagt er.

Mit René reden können der Fachmann und die Mutter am Tag des Besuchs nicht. Er hat Beruhigungsmittel geschluckt, schläft und lässt sich nicht aufwecken.
Einen Tag später kippt der Sohn beim Treppensteigen zur Seite. Die Notärztin sagt den Hufschmidts: "Es droht ein Herzinfarkt." Anita Hufschmidt ruft ihren Bruder an, und zusammen mit ihrem Mann bringen sie ihn tags drauf ins Auto, obwohl er sich jetzt wehrt wie ein Berserker. Sie fahren ihn nach Viersen zur Klinik des Landschaftsverbands Rheinland. Die nimmt ihn auf, weist aber darauf hin: "Wenn er gehen will, können wir ihn nicht festhalten." Die Mutter ist fix und fertig. "Ich bin sein Feind, weil ich ihn von den Drogen abbringen und ihn in die Geschlossene verfrachten will. Was soll ich denn tun? Zugucken?" Wieder füllen sich ihre Augen mit Tränen. "Wie kann ich meinen Sohn retten?" Zum Schluss sagt sie, sie kämpft nicht nur für ihren Sohn, sondern auch für die vielen anderen und ihre Angehörigen.