1. Borussia

Kabinenpredigt: Sind Geisterspiele wirklich notwendig, um zu überleben?

Kabinenpredigt : Sind Geisterspiele wirklich notwendig, um zu überleben?

Die Spieler von Borussia Mönchengladbach sollen in dieser Saison wieder auf den Rasen zurückkehren – dann aber, wie schon beim Derby gegen Köln, vor sogenannter Geisterkulisse. Das ist das vorläufige Ergebnis einer Krisensitzung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) am Montag in Frankfurt.

DFL-Chef Christian Seifert machte dabei unmissverständlich klar: „Es geht ums Überleben!” Und damit meinte er nicht die mit dem Coronavirus Infizierten, sondern die Klubs der 1. und 2. Liga. Bis Ende Juni sollen die restlichen Spieltage in beiden Ligen über die Bühne gebracht werden – alle ohne Zuschauer. „Geisterspiele sind in der nächsten Zeit die einzige Überlebenschance für viele Klubs“, sagte Seifert. Wie immer geht es bei dem unbedingten Willen, die Saison irgendwie zu Ende zu spielen, um Geld: Zwischen 650 und 700 Millionen Euro Umsatz aus Medienrechten und Sponsoring stehen auf dem Spiel, wenn die Live-Übertragungen der restlichen 162 Matches der 1. und 2. Liga nicht bis zum Sommer stattfinden.Viele werden diese Entscheidung zynisch finden, wenn alle anderen Sportligen ihre Saison bis auf weiteres aussetzen oder schon vorzeitig beendet haben. Die deutsche Eishockey-Liga war die erste deutsche Profi-Liga, die die Saison ohne Playoffs und das Ermitteln des Deutschen Meisters abschloss. Die beste Basketball-Liga der Welt, die NBA in den USA, ist ein Milliarden-Unternehmen, gegen die Spitzenverdiener dort ist Cristiano Ronaldo ein armer Kerl. Doch auch diese Liga hat die Zeichen der Zeit erkannt und die Saison vorläufig unterbrochen; ob und wie es weitergeht, ist unklar. Für Seifert und die Vertreter der Bundesliga-Klubs steht jedoch die Existenz der Liga und das Überleben der (vor allem kleineren) Vereine an erster Stelle. Die Fernseheinnahmen und die damit verbundenen Sponsoring-Erlöse sind für alle Vereine die mit Abstand größte Einnahmequellen. Fallen sie mittelfristig weg, stehen viele Vereine auf der Kippe – und damit die finanzielle Existenz von tausenden von Mitarbeitern. Die vorläufig bis Anfang April verordnete Spielpause sollen die Klubs zur Sondierung ihrer finanziellen Verhältnisse, Sorgen und Nöte nutzen und der Liga melden, erklärt Seifert. „Um es ganz offen zu sagen: Wir müssen einen Überblick bekommen, wer hält wie lange ohne Spiele durch?“Borussia Mönchengladbach und ihr Geschäftsführer Stephan Schippers sind bekannt dafür, nur das Geld auszugeben, was man eingenommen hat. Ohne die Einnahmen aus den TV-Geldern und dem Sponsoring wird es aber auch für Borussia unmöglich, den Status Quo zu halten – zumal der Verein gerade auf der Suche nach einem neuen Trikotsponsor ab der kommenden Saison ist. Und diese Suche wird angesichts der Coronakrise nicht einfacher.Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob die Absicht, in wenigen Wochen die Spieler wieder auf den Rasen zu schicken, in der aktuellen Zeit populär und verantwortungsvoll ist. Für den Ablauf eines Bundesligaspieltags sind Menschen notwendig, was weiteres Ansteckungspotenzial birgt. Ganz abgesehen von den Spielern, die auf engstem Raum mit- und gegeneinander spielen sollen. Sind Geisterspiele also wirklich nötig, um das Überleben von Liga und Vereinen zu sichern? Und gibt es im Moment nicht viel größere gesellschaftliche Probleme als der Spielbetrieb der Kicker? Wenn es „nur“ um das Finanzielle geht: Was spricht gegen einen Solidarbeitrag der Profis, die alle weit mehr verdienen als der normale Angestellte? Verzichten die paar Dutzend Einkommens-Multimillionäre von Spitzenteams und die rund 900 weiteren hochbezahlten Profifußballer nur auf die Hälfte ihres Salärs, wäre – im wahrsten Sinne des Wortes – schon viel gewonnen. Auf der anderen Seite stehen nämlich rund 55 000 ganz normal bezahlte Angestellte bei den Klubs, dazu kommen viele Tausende externe Lieferanten oder Dienstleister und weitere an der Fußballindustrie Beteiligte. Sie wären die wirklichen Verlierer beim vorzeitigen Ende der Saison.

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