: „Jetzt leiden Kinder doppelt“

„Kinder aus überschuldeten Haushalten leiden besonders“, sagt Gundi Bachem von der Schuldner- und Insolvenzberatung des Caritasverbandes für die Region Kempen-Viersen. Sie fordert weitreichende Reformen, um den Kindern gute Startbedingungen für die Zukunft zu ermöglichen.

Unter dem Motto „Chancenlose Kinder? – Gutes Aufwachsen trotz Überschuldung!“ stellte die bundesweite Aktionswoche Schuldnerberatung Ende Mai die Rechte von Kindern in den Mittelpunkt. „In der Corona-Krise ist dieses Motto aktueller denn je, denn gerade jetzt leiden die Kinder doppelt“, betont Gundi Bachem von der Schuldner- und Insolvenzberatung. Familien seien in Zeiten, in denen ihre Kinder nicht in Kita oder Schule könnten und Spielplätze wochenlang geschlossen waren, sehr gefordert. Besonders hart treffe es sie, wenn weitere Probleme ihr Leben belasten – wie etwa Überschuldung, so Gundi Bachem.

Die Fachleute der Schuldner- und Insolvenzberatung wissen aus Erfahrung: „Kinder können es nicht einordnen, wenn ihre Eltern viel öfter gereizt sind, weil nicht genug Geld vorhanden ist“, sagt Caritas-Beraterin Elisabeth Mankertz. Sie seien Zeugen bei Streitigkeiten und fragten sich nicht selten, ob sie selbst schuld daran seien. Für Alleinerziehende sei die Situation oft noch schwieriger zu bewältigen.

Gundi Bachem weist auf ein weiteres Problem hin: „Durch Corona werden zudem die Bildungsvoraussetzungen ungleicher verteilt, weil überschuldete Familien oft gar nicht über die digitalen Möglichkeiten verfügen.“

„Um den Kindern das Recht auf ein von Schuldenproblemen unbelastetes Aufwachsen zu gewährleisten und gute Startbedingungen für ihre Zukunft zu schaffen, brauchen wir deutliche Reformen“, erklären Bachem und Mankertz. Zwar sei das „Starke-Familien-Gesetz“ ein Anfang, um Familien mit niedrigem Einkommen zu unterstützen. Allerdings müssten familien- und sozialpolitische Leistungen wie der Mindestunterhalt, der Regelsatz für Kinder und Jugendliche in Grundsicherung und die Sozialhilfe bedarfsgerecht ausgebaut werden. Darüber hinaus fordert die Caritas die Einführung einer eigenständigen Kindergrundsicherung. Wichtig seien auch eine „finanzielle Allgemeinbildung“ und Präventionsarbeit, wie sie etwa die Schuldner- und Insolvenzberatung im Rahmen ihrer Möglichkeiten leiste. „Kinder müssen früh lernen, mit Geld, Handy und Internet umzugehen“, sagt Elisabeth Mankertz.

„In unserer Beratungsarbeit haben wir es immer wieder mit Rückforderungsbescheiden der Jobcenter an minderjährige Mitglieder einer Bedarfsgemeinschaft zu tun. Diese führen dazu, dass diese jungen Leute schon Schulden haben, wenn sie 18 Jahre alt werden“, erläutert Gundi Bachem. Sie fordert deshalb das Recht auf schuldenfreies Erreichen der Volljährigkeit. Die Verschuldung von Minderjährigen gehöre im Sozialrecht vollständig abgeschafft.

Die Folgen der Corona-Krise in Bezug auf Überschuldung seien noch gar nicht absehbar. „Wir stellen bereits fest, dass Menschen zu uns kommen, die bisher nicht verschuldet waren“, berichtet Bachem. Sie befürchtet, dass die Zahl der überschuldeten Menschen in Folge von Kurzarbeit oder Betriebsschließungen auch in unserer Region zunimmt. Bereits im vergangenen Jahr war der Hilfebedarf wegen Überschuldung deutlich gestiegen. Info unter www.caritas-viersen.de/hilfe-beratung/schuldnerberatung.