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Theresientagespflege meistert Alltag unter Coronabedingungen

Corona im Kreis Viersen : Wieder schließen wäre der Supergau

Die Folgen des Frühjahrs-„Lockdowns“ spürte man in der Theresientagespflege sehr lange. Die Arbeit unter Coronabedingungen ist für alle Seiten nicht einfach – wieder schließen zu müssen wäre allerdings die schlimmste Option.

Die Zeiten, in denen sich die Glastüren am Eingang der Theresientagespflege automatisch öffneten, sind vorbei. Auf mein Klingeln schließt Dirk Kossiak, Ansprechpartner Tagespflege am Theresienheim Dülken der St. Antonius Gruppe, die Tür auf. Dann beginnt der Screeningprozess: Jacke ablegen, Desinfektionsmittel für die Hände, FFP2-Maske und medizinischer Schutzkittel werden gereicht. Dann wird Fieber gemessen und ein kleiner Fragenkatalog abgearbeitet. Covid-Symptome? Kürzlich Kontakt zu Corona-Infizierten gehabt? Schließlich hinterlasse ich noch Name und Kontaktdaten und endlich dürfen wir die Räume an der Theresienstraße betreten.

Es ist früher Nachmittag. Das Mittagessen ist verspeist, Mittagsruhe ist gehalten – die etwa zehn Gäste sitzen verteilt im Raum und unterhalten sich, in einem Nebenraum spielt ein Gast an der mobilen Kegelbahn. „Vor Corona haben unsere Gäste in Gruppen von etwa acht Personen an großen Tischen gesessen“, erzählt Dirk Kossiak, „das ist aktuell nicht möglich.“ Die Tische sind auseinander geschoben, man sitzt zu zweit. Spielerunden, Sport im Kreis, dem anderen kurz aufhelfen – all das ist in diesem besonderen Jahr nicht möglich. Das Miteinander leidet. Angebote in Kooperation mit dem angeschlossenen Theresienheim wie Ergotherapie oder Friseur sind ausgesetzt.

Auch wenn man sich mit der Situation mehr oder minder arrangiert hat, es bleibt ein großer Mehraufwand. „Für uns ist es doppelt und dreifach Arbeit“, erklärt Dirk Kossiak. Das fange bei so profanen Dingen wie dem Frühstück an. Wo sich die Gäste bisher untereinander versorgt haben, müssen die Mitarbeiter jetzt mit Brotkorb, Aufschnitt oder Käse einzeln herum gehen und die Gäste bedienen. Bei jedem Toilettengang ist ein Mitarbeiter dabei, der anschließend alles wieder desinfiziert. „Da kommt sich so mancher verständlicherweise bevormundet vor“, stellt Kossiak bedauernd fest. „Wir machen dann deutlich, dass es nichts mit ‚schmutzig machen’ zu tun hat, sondern mit den Maßnahmen zum Hygieneschutz.“

Doch so anstrengend oder umständlich manches ist: Das Team der Tagespflege rund um Pflegedienstleiterin Beate Hubertz macht es gern, denn es hilft zu vermeiden, was keiner ein weiteres Mal erleben möchte: die Schließung der Einrichtung.

„Der Lockdown im Frühjahr war für unsere Gäste – und ihre Angehörigen – ganz ganz schlimm“, weiß Beate Hubertz. Im Frühjahr waren die Tagespflegen fast drei Monate geschlossen. „Einige unserer Gäste haben da ganz stark abgebaut“, erzählt Dirk Kossiak. Das ging von Gewichts- über Mobilitätsverlust bis zu kognitiven Defiziten. „Gäste, die vorher mit dem Rollator recht mobil waren, saßen nach dem Lockdown im Rollstuhl“, zieht Kossiak ein trauriges Fazit.

Generell seien viele der Gäste seit der Wiedereröffnung im Juni zunächst zurückhaltender gewesen, regelrecht in sich gekehrt. „Gerade für unsere Gäste, die an Demenz erkrankt sind, war das sehr schwierig“, erklärt Hubertz, „wir mussten ganz viel Vertrauen wieder neu aufbauen.“ Und auch heute noch sei es immer wieder eine Herausforderung, einem an Demenz Erkrankten die aktuellen Maßnahmen begreiflich zu machen.

„Ein erneutes Schließen wäre für uns der Supergau“, betonen Kossiak und Hubertz unisono. Sie können sich nur zu gut an die teils verzweifelten Anrufe der Angehörigen erinnern. „Man vergisst schnell, dass die Tagespflege für beide Seiten unglaublich viel Gutes tut“, betont Dirk Kossiak. In der Tagespflege werden die Gäste geistig und körperlich gefordert, sie pflegen soziale Kontakte – häufig die einzigen außerhalb der Familie – und sie haben einen festen Tagesablauf. Das tut den Gästen auf vielfältige Weise gut. „Während des Shutdowns sind wir mit den Familien unserer Gäste in Kontakt geblieben“, erinnert sich Dirk Kossiak, „viele baten um Hilfe und Tipps, wie sie ihre Verwandten beschäftigen können.“

Die Dülkenerin Elke Bollessen ist seit gut zweieinhalb Jahren Gast der Theresientagespflege und fühlt sich sichtlich wohl: „Hier geht es mir immer gut.“ Auch ihr sei die Zeit des Lockdowns nicht leicht gefallen: „Wir waren alle sehr traurig, es hat was gefehlt.“ In der Tagespflege trifft sie Bekannte, kommt in Schwung, aber sie stellt auch fest: „Man ist nicht mehr so frei, die Angst ist immer dabei.“ Doch davon lässt sich die rüstige Dame nicht ins Bockshorn jagen. „Uns geht der Humor nicht verloren“; betont sie mit einem verschmitzten Lächeln Richtung Dirk Kossiak, der zustimmend nickt.

Bei allen Einschränkungen und Vorkehrungen, Screenings, Schnelltests, Hygieneregeln und mehr – erund Beate Hubertz wissen, dass sie sich auf ihr Team verlassen können. „Wir haben ein alteingesessenes und eingespieltes Team, das sich voll in den Dienst unserer Gäste stellt“, betonen beide. Und das bedeutet auch, dass sie sich privat zurücknehmen, denn die Angst, das Virus womöglich in die Einrichtung zu tragen und schlussendlich vielleicht für einen Todesfall verantwortlich zu sein, schwingt bei allen mit und ist Ansporn zugleich, den bestmöglichen Job zu machen.