: Selbstständig, aber nicht allein

Das Pädagogische Angebot im Bethanien Kinderdorf ist vielfältig. Ein besonderes Angebot allerdings ist die Jugendwohngruppe, die es Heranwachsenden ermöglicht, Verantwortung für das eigene, selbstständige Leben zu übernehmen – stets betreut und begleitet von erfahrenen Pädagogen. Ein Besuch in Amern.

„Hi, ich bin Simon“, sagt der freundliche Junge beim Öffnen der Haustüre. „Willkommen in unserem Zuhause.“ „Zuhause“ ist die Jugendwohngruppe in Amern, die zum Bethanien Kinderdorf in Waldniel gehört, aber räumlich getrennt vom Rest des Kinderdorfes liegt. Gleich der Eingangsbereich beweist, dass hier etwas los ist: Ein riesiges, kunterbuntes Bild mit den drei Buchstaben „JWG“ (Jugendwohngruppe) ziert die Wand. „Komm mit, ich zeig dir, wie wir wohnen“, sagt Simon eifrig und läuft die Treppe hoch in die Küche. Dort treffen wir auf Heilpädagogin und Gruppenleitung Judith Schöndeling. Sie ist eine von fünf Pädagoginnen, die hier im Haus „das Sagen“ haben.

Acht Heranwachsende leben aktuell in dem großzügigen Altbau, der sich auf drei Etagen verteilt. Hier sollen sie lernen, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und selbstständig zu werden – das alles mit Unterstützung der Pädagoginnen, die den Jugendlichen zur Seite stehen.

Mindestens 13 Jahre alt muss man sein, um in der Jugendwohngruppe wohnen zu können – so alt ist auch Simon. Er ist seit August vergangenen Jahres Teil der Gruppe. Davor lebte er jahrelang in familienähnlicher Struktur im Birkenhaus im Kinderdorf, zusammen mit seinem Zwillingsbruder. „Er wohnt immer noch dort, aber ich sehe ihn jeden Tag in der Schule“, erklärt der Jugendliche. Seine drei Schwestern sieht Simon nie. „Die leben nicht hier.“

Dass der Schüler sich in seinem neuen Zuhause wohlfühlt, merkt man deutlich. „Ich habe mich hier richtig gut eingelebt“, betont er. Simons Zimmer liegt in der obersten Etage und ist eines der größten. „Das Zimmer kriegen nur Jugendliche, denen wir zu 100 Prozent vertrauen können“, erklärt Judith Schöndeling. Ausbüxen ist hier nämlich leicht – die Feuertreppe gleich am Fenster bietet beste Voraussetzungen. Doch Simon wird vertraut. In seinem Zimmer hält er sich gerne auf und liest Harry Potter, wenn er nicht grade im Wohnzimmer PlayStation spielt oder in der großen Küche puzzelt. In dieser wird übrigens auch regelmäßig gekocht. Einmal pro Woche müssen dann auch die Jugendlichen an den Herd und für die Gruppe kochen. Für Simon überhaupt kein Problem: „Ich koche dann oft was mit Nudeln oder mache Döner.“ Zum Mitessen wird in der Wohngruppe aber niemand „gezwungen“. „Viele der Jugendlichen leben hier nebeneinander her, jeder hat seinen eigenen Raum, jeder macht sein eigenes Ding. Das ist auch ok so“, erklärt die Heilpädagogin. „Die jungen Menschen sollen in die Verselbstständigung.“

Den Weg in die Jugendgruppe finden die Heranwachsenden oft aus ganz unterschiedlichen Gründen: „Es klappt Zuhause nicht mehr und sie melden sich selbst, es gibt Probleme in der Pflegefamilie oder die jungen Menschen sind der familiäreren Gruppe im Kinderdorf entwachsen – das ist ganz individuell“, erklärt die Heilpädagogin.

Um die Gruppe aber dennoch zusammenzuhalten, trifft man sich in der Freizeit zum Bowlen oder Kartfahren. „Alles locker und jeder so, wie er Lust hat“, betont Judith Schöndeling.