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Extra-Tipp Interview mit Bürgermeister Christian Pakusch

Interview : „...den Gürtel enger schnallen“

Das Jahr ist gerade mal eine Woche alt und schon warten auf den Willicher Bürgermeister neue und wichtige Aufgaben für 2024. Im Gespräch mit dem Extra-Tipp zieht er einen Rückblick auf 2023, freut sich aber auch auf die Aufgaben für das neue Jahr.

Herr Pakusch, Haushaltssperre in 2023 – welche Auswirkung hat das für 2024?

Das Thema Haushalt werden wir im Januar konkretisieren müssen. Wir bekommen die Spitzabrechnung für die Einkommenssteuer noch diesen Monat. Darauf müssen wir warten. Im Zweifel gehört zur Wahrheit dazu, dass man sagen muss, wir legen einen Haushalt vor, der mit einem Defizit plant.

Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass wir ehrlich damit umgehen müssen – also Politik und Verwaltung. Wir haben in Willich verdammt hohe Standards – und über die müssen wir dann reden. Hausintern will ich bei allen Haushaltsgesprächen dabei sein, um zu schauen, wo wir Einsparungen tätigen können. Tatsächlich hatten wir in den letzten Jahren im Haushalt immer ein Auf und Ab. Transparenz ist jetzt besonders wichtig. Daher kann ich die Verunsicherungen bei dem ein oder anderen schon verstehen.

Welche Posten fehlen denn, um Transparenz zu schaffen?

Natürlich die Einkommensteuer und dann die Flüchtlingszuschüsse – also das Geld von Land und Bund. Hier wurden uns 1,39 Millionen zugesagt und bereits überwiesen. Und was bedeutet dieser Wert von 7.500 Euro? Bekommen wir diesen Betrag zusätzlich für jeden Menschen, den wir unterbringen oder untergebracht haben - oder wird er angerechnet? In diesem Punkt sind einfach noch zu viele Fragen offen.

Wie viele Flüchtlinge hat Willich zurzeit untergebracht?

Wir haben in Willich mittlerweile 1.300 Menschen, die vor Krieg und Gewalt geflohen sind, die wir hier untergebracht und versorgt haben respektive noch versorgen. Wenn ich jetzt für jeden Flüchtling vom Land nochmals 7.500 Euro on top bekommen würde – wäre das für die Finanzlage der Stadt in diesem Zusammenhang die beste Lösung. Sicher ist das aber eben noch nicht.

Apropos Unterbringung: Wie ist denn die Wohnungssituation in Willich?

Mich hatte zu Beginn des Ukraine-Krieges sehr überrascht, wie viele leerstehende Gebäude wir angeboten bekommen haben. Da habe ich mich angesichts der oft beklagten Wohnungsnot schon gefragt – warum stehen diese Gebäude und Wohnungen leer und werden nicht vermietet? Tatsächlich ist in Sachen Geschosswohnungsbau, also kleine und günstige Wohnungen, barrierefrei, in den letzten Jahren in Willich nichts passiert. Das holt uns jetzt ein. Und die Nachfrage ist durchaus höher als das, was wir anbieten können.

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Wie will man dem entgegenwirken?

Nun, die GWG baut ja gerade  zum Beispiel an der Hülsdonkstraße, der Bau an der Anrather Straße ist abgeschlossen, an der Niersplank werden Wohnungen noch in diesem Jahr entstehen. Aber auch eine Wohnungsbaugesellschaft kommt an ihre Grenzen – Stichwort Baukosten, Stichwort Zinsen. Das ist schon ein ‚Kopfschmerzthema‘ für mich.

Was bereitet ihnen den noch Kopfschmerzen – mir fällt da das Thema Kindergarten ein!?

Mit der vergangenen Kindergarten-Situation war ich auch sehr unzufrieden. Ich denke, der neue Weg der Mitarbeitergewinnung ist jetzt vollkommen richtig. Hier sind wir vor allem mit den Social-Media-Kanälen gut gefahren. Und klar ist, dass wir den Mitarbeiten auch die sogenannten Softskills anbieten müssen – beispielsweise Räumlichkeiten, in die sie sich zurückziehen können. Unsere Tageseinrichtung Bullerbü  ist da ein gutes Beispiel. Aber ich kann nicht leugnen: Es herrscht immer noch Personalmangel, auch wenn wir zum Kindergartenjahr gut aufgestellt waren.

Ein Grund, warum knapp 100 Kinder nicht untergebracht werden konnten?

Naja, es gilt ja der Rechtsanspruch, dass jedes Kind auch einen Platz bekommt. Da muss ich ganz ehrlich sagen, dieser Rechtsanspruch ist aktuell nicht umsetzbar. Gleiches gilt für die Rückzahlung von Geldern aufgrund von Nicht-Betreuung. Auch diese Fälle wurden mir angetragen. Leider gibt es keinen Rechtsanspruch auf Rückzahlung.

Was bedeutet diese ganze Situation für 2024?

Wir müssen alle unser Anspruchsdenken senken. Wir müssen den Gürtel jetzt einfach enger schnallen. Die Feuerwehrwache in Neersen ist mit fünf Millionen Euro zu Buche geschlagen, die Feuerwehrwache in Alt-Willich inklusive Rettungswache für über zehn Millionen Euro. Dann müssen wir an einige Grundschulen ran - circa drei Millionen, De Bütt knapp 17 Millionen – nur um mal einige Punkte und Zahlen zu nennen. Wir wollen aber auch nicht an der Infrastruktur der Stadt sparen. Das wäre fatal. Dann muss es eben an anderer Stelle sein, hier stehen zum Beispiel die Bürgerbüros im Fokus. Und ich sehe Einsparpotential beim Thema Energie, wenn wir auf alternative Energien umrüsten. Da bewegen wir uns in einer Range von drei Millionen Euro. Hier sollten wir unbedingt das Knowhow der Stadtwerke nutzen und einbeziehen.

Rückblickend auf 2023 – was gibt es denn Positives zu berichten?

Da wäre zum einen die Flüchtlingskrise, die wir als Stadt, aber auch als Gesellschaft in Willich hervorragend gemeinsam gemeistert haben. Dann haben wir Münchheide V gestartet – hier reden wir von Arbeitsplätzen und zusätzlichen Gewerbesteuereinnahmen. Die Kita-Thematik haben wir bezüglich der Gebäude ganz gut in den Griff bekommen. Bullerbü ist fertig, Traumland in Wekeln wird zum nächsten Kindergartenjahr fertig. Das Feld Ecke Schiefbahner Dreieck ist vermessen,  dort wird die GWG eine Kita bauen, die auch zum nächsten Kindergartenjahr fertig sein wird. Auch was Veranstaltungen und Kultur in Willich angeht, ist ja einiges passiert in den verschiedenen Ortsteilen – auch das ist wichtig für eine Gesellschaft.

Blicken wir auf das Jahr 2024 – was steht an?

Das wäre in Schiefbahn der Ausbau des Kreisverkehrs Korschenbroicher/Willicher Straße. In diesem Monat geht’s los mit der Bürgerbeteiligung. Den Ausbau Parkplatz St. Bernhard mit Photovoltaik machen wir zum Pilotprojekt. Energiepolitik und Energiewende wird uns die nächsten Jahre beschäftigen. Dann ist mir das Thema Dirtbike-Anlage wichtig, ebenso die fertige Schutzhütte für die Jugendlichen in Neersen. Ich freue mich sehr, dass der Kinderschutzbund Willich den Bau für alle Schutzhütten in den anderen Willicher Stadtteilen unterstützt. Und zum Thema Kultur fällt mir noch ein, dass es in Anrath nach dem Karnevalszug auf dem Alleeschulhof ein Open-Air geben wird - veranstaltet durch Leon Brooks. Dann sind da noch in Alt-Willich die Katharinenhöfe. Das treibt mich wirklich um – für so ein Projekt eine schwierige Zeit, obwohl wir die Baugenehmigung längst erteilt haben.

An aller erster Stelle müssen der Kämmerer und ich einen vernünftigen Haushalt vorlegen. Für alle Projekte brauchen wir ein gutes Fundament, also einen stabilen Haushalt. Das ist wichtig für die Politik, für die Mitarbeiter der Verwaltung, aber natürlich auch für die Menschen in Willich.

Wie wirkt sich das auf die genannten Projekte aus?

Alles, was wir genannt haben steht, läuft oder ist angestoßen. Was mit der Politik zu diskutieren ist, sind Themen wie die Umgestaltung des Kurt-Schumacher-Parks in Schiefbahn oder des Konrad-Adenauer-Parks in Alt-Willich. Außerdem will ich mir die Spielplatzsituation der Stadt anschauen. Wir haben über 100 Spielplätze in Willich – und für mich aus Sicht eines jungen Vaters sollten Spielplätze ein Highlight sein. Viele davon sind leider eher nicht mehr zeitgemäß, eher suboptimal ausgestattet und nicht wirklich auf der Höhe der Zeit. Hier stellt sich mir die Frage, ob es die Masse an Spielplätzen sein muss, oder ob weniger hier nicht mehr ist, wenn die wenigen Plätze dafür echte Highlights sind.

Klingt nach einer Menge Arbeit für 2024…

Das ist es. Ich mache das aber auch sehr gerne. Als Willicher, der in Willich groß geworden ist, möchte ich in meiner Funktion als Bürgermeister dieser Stadt und seinen Menschen auch etwas zurückgeben. Schließlich war und ist Willich meine Heimat – und meine Tochter wächst hier auf. Da versteht es sich von selbst, dass ich Willich gerne weiter nach vorne bringen möchte.