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Gedenken in Corona-Zeiten - Interview mit Theo-Hespers-Stiftung

Gedenken an Widerstandskämpfer Theo Hespers : Warum soll man sich jetzt erinnern?

Am 27. Januar, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, hat auch das Gladbacher Haus der Erinnerung wieder der Opfer gedacht – darunter dem Mönchengladbacher Widerstandskämpfer Theo Hespers. Coronabedingt war eine Veranstaltung nicht möglich. Warum es trotzdem wichtig ist, in dieser Zeit zu „gedenken“, darüber hat der Extra-Tipp mit Ferdinand Hoeren, dem 1. Vorsitzenden, und Jutta Finke-Gödde, der stellvertretenden Vorsitzenden der Theo-Hespers-Stifung, gesprochen.

Herr Hoeren, warum ist es auch in der Corona-Zeit wichtig, der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken?

Ferdinand Hoeren: Wir bearbeiten sowohl den Widerstand von Theo Hespers gegen den Nationalsozialismus als auch den gegenwärtigen Neofaschismus sowie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt. Daher ist es für uns wichtig, in diesem Jahr der vielen Wahlen, die belastet werden durch Rechtsextremisten sowie (Kreuz-und)querdenker, tätig zu werden.

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Verschwörungstheoretiker und Coronaleugner, die sich in einem Atemzug mit den Widerstandskämpfern in der Nazizeit nennen – ist das nur dumm oder auch gefährlich, Frau Finke-Gödde?

Jutta Finke-Gödde: Gefährlich, denn es verharmlost den Terror der Nationalsozialisten und beschädigt das Ansehen so mutiger Menschen wie Sophie Scholl, die ihren Widerstand mit dem Leben bezahlen mussten. Wer so argumentiert, stilisiert sich selbst zum Opfer, erhebt die eigene politische Position zur allein möglichen Wahrheit und diffamiert den politischen Gegner als Täter und Lügner. Das ist zutiefst undemokratisch.

Wenn mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung und dem Recht auf Widerstand gegen den Staat „argumentiert“ wird – was ist da mit dem Demokratie-Verständnis passiert?

Hoeren: Einige Mitbürger*innen haben tatsächlich kein Gefühl dafür, was Demokratie bedeutet: Unter anderem Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Manche, weil sie demokratisches Handeln nicht gelernt haben. Andere, weil sie Brüderlichkeit, also Solidarität, für eine Einbahnstraße halten. Viele, weil sie die Gleichberechtigung aller nicht ertragen können aus Intoleranz und Egoismus. Und nicht wenige, weil sie die Bedeutung des Wortes Freiheit missverstehen.

Wenn jemand die Maskenpflicht als Freiheitsberaubung bezeichnet – was entgegnen Sie so einem Menschen?

Hoeren: Die Grenze der eigenen Freiheit endet an den Grenzen der Freiheit der Mitmenschen. Wer also das Gebot des Staates, vorübergehend eine Maske zum Schutz vor Ansteckung zu tragen, als Freiheitsberaubung versteht und missachtet, handelt laut dem Philosophen Emanuel Kant nicht freiheitlich, sondern willkürlich. Wer gar mit dem Recht auf Widerstand gegen den Staat argumentiert, muss blind oder taub oder geistig verwirrt sein. Denn wir können nach wie vor unsere Meinung frei äußern, Demonstrationen organisieren und wählen, wen wir wollen.

Angst, Ohnmacht, Zweifel an der Richtigkeit der Maßnahmen, Wut über Planungsfehler und Ungerechtigkeit bei den Impfungen – hat Corona unsere Gesellschaft gespalten?

Finke-Gödde: Das ist nicht leicht zu beantworten. So scheint es, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung weitgehend an die Maßnahmen hält. Auch hat die Coronakrise uns bewusst gemacht, wie wertvoll Solidarität und Einsatzbereitschaft für andere sind. Gleichzeitig sind die Fronten zwischen Gegnern und Befürwortern der Coronapolitik hart. Die Debatten in den sozialen Medien sind teilweise von fehlendem Respekt und Hass geprägt. Diese Grabenkämpfe sind nicht neu für unsere Gesellschaft und auch für andere Themen wie Klima- oder Flüchtlingspolitik typisch. Ob Corona unsere Gesellschaft weiter auseinandertreibt, wird sich zeigen.

Rassismus, Rechtsradikalismus, Hass – kann man durch Erinnern an die Geschichte etwas erreichen?

Finke-Gödde: Unsere Demokratie entstand in dem Bewusstsein, ein zivilisatorisches Gegenmodell zum Naziregime zu schaffen. Dieses Bewusstsein sollte unseren stetigen kritischen Blick zurück auf das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, auf Diktatur, Kriegsverbrechen und Völkermord in deutschem Namen, leiten. Die Erfahrungen der Vergangenheit können für die Menschen heute eine Folie sein, um Menschenfeindlichkeit besser zu erkennen, zu verstehen und so ihren Ausformungen – Rassismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus – entgegenzuwirken.

Inwiefern können wir uns den Gladbacher Widerstandskämpfer Theo Hespers heute zum Vorbild nehmen?

Finke-Gödde: Theo Hespers’ Kampf gegen die Nazis war eng verbunden mit seinem Einsatz für die Demokratie. Unter dem Naziregime brauchte es Heldinnen und Helden wie Hespers, um sich gegen ein Regime zu stellen. Sein Widerstand mahnt uns: Die Demokratie ist ein hohes Gut, das wir schützen müssen.

Corona wird uns vorerst weiter begleiten. Was plant das Gladbacher Haus der Erinnerung noch für dieses Jahr in Sachen Erinnerung?

Hoeren: Die Pandemie behindert in diesem Jahr bisher eine planmäßige Arbeit des „Gladbacher Haus der Erinnerung“. Wenn jedoch in unserer Stadt Rechtsextremisten, Rassisten oder Verfassungsfeinde tätig werden, werden wir handeln.