: Ich wollte nur nach Hause

Jeanette Juch-Niemann, Rheydterin mit kenianischen Wurzeln, war eigentlich in ihr afrikanisches Heimatdorf gereist, um für die Kinder, die vom Mönchengladbacher Verein OLDRI betreut werden, Spenden zu übergeben. Doch dann geriet sie in den dortigen Corona-Lockdown und war plötzlich die „gefährliche Europäerin, die die Seuche bringt“. Aus dem Drei-Wochen-Besuch wurde ein Höllentrip, der länger als zwei Monate dauerte. Weiter machen will sie jetzt aber erst recht – und sucht Mitstreiter, die ihr helfen.

. Wenn Jeanette Juch-Niemann von ihren Erlebnissen in Kenia erzählt, kann sie die Tränen kaum zurück halten. „Ich war total fertig“, sagt sie. Als sie in Kenia ankam, war einen Tag vorher der erste Corona-Fall im Land gemeldet worden, das war der 15. März. Von da an war Alarm bei den Behörden. „Leute aus Europa galten jetzt als Gefährder für die Bevölkerung“, sagt sie, und so wurde sie auch behandelt.

In Nairobi ging noch alles halbwegs gut. Immerhin schaffte es Jeanette Juch-Niemann noch, vom mitgebrachten Spendengeld eine Nähmaschine und eine Knopfannähmaschine für ihr OLDRI-Hilfsprojekt in Kaduong-Nyakach (Extra-Tipp berichtete), Provinz Kisumu, zu kaufen, bevor sie zu einem Coronatest und Quarantäne im Hotel verdonnert wurde.

In ihrem Heimtdorf bekam Jeanette Juch-Niemann dann die volle Härte der Situation zu spüren. Erneut musste sie im Haus ihrer Eltern wochenlang in Quarantäne – dieses Mal mit Bewachung durch Polizei und Militär, was die Dorfbewohner dort sehr einschüchterte. Die Mönchengladbacherin, die seit rund 40 Jahren in Deutschland lebt, erkrankte an Hautausschlag und einer Darmkrankheit und hungerte, weil sie nicht mehr an ihr Bankkonto kam. Die Einheimischen wurden von den Behörden so eingeschüchtert, dass sie sich fürchteten, trotz negativem Testergebnis, von ihr angesteckt zu werden. Sehr kurz nur konnte sie die Kinder ihres Hilfsprojektes besuchen. Der Rückflug wurde immer wieder verschoben, bis Sohn Marcel mit Hilfe der Vereinsvorstände Stefan Krull und Frank Pötter für sie von Deutschland aus ein Ticket im Rahmen einer Rückholaktion organisierte. Mit viel zu wenig Geld und stark geschwächt musste sie sich von Kaduong nach Kisumu und von dort nach Nairobi durchschlagen und geriet mehrfach in bedrohliche Situationen. „Ich wollte nur noch nach Hause“, sagt sie.

Als sie in Kisumu in die Hände von Kinderbanditen zu fallen drohte, rettete sie wie durch ein Wunder ein einheimischer junger Mann, der ihr ganz selbstlos ein Zimmer besorgte, für sie bezahlte und die Fahrt nach Nairobi organisierte. Doch auch die letzten 100 Kilometer waren ein Höllenritt. „Immer wieder mussten wir uns verstecken, immer wieder kamen wir in gefährliche Situationen.“

„Europäer glauben immer, Kenia, das sei Hakuna Matata mit Traumstränden und Safaris“, sagt sie, die Realität für die Einheimischen sähe anders aus. Das HIV-Virus, der Klimawandel und die Korruption hätten einen Teufelskreis immer größerer Armut und Gewalt in Gang gesetzt, über den sich kaum einer traue, zu sprechen.

Der Rückflug mit einer koreanischen Airline über Adis Abeba dauerte noch einmal vier Tage, in denen Jeanette Juch-Niemann und viele ihrer deutschen Mitreisenden Zweifel hatten, ob sie wirklich jemals zu Hause ankommen. „Ich hab nur noch gebetet und war in einer totalen Ausnahmesituation“, sagt sie. Als sie endlich in Frankfurt landete, konnte sie ihr Glück kaum fassen.

Eigentlich könnte man jetzt meinen, sie habe endgültig genug, sagt die OLDRI-Vereinsgründerin, aber der Anblick der Kinder ließe sie nicht los. Besonders schwierig: Nachdem das durch den Verein finanzierte Blechhaus – der Regenschutz für den Mittagstisch – durch eine Überschwemmung komplett zerstört wurde, seien die Auflagen für einen Neubau drastisch verschärft worden. „Wenn wir die erfüllen wollen, brauchen wir 30000 Euro“. OLDRI hat bisher vergeblich nach einem Schirmherrn oder einer Schirmherrin gesucht und hofft jetzt auf die Hilfe internationaler Stiftungen.